Tätigsein als ältere Person

Übers Ganze gesehen, beeindrucken Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstreflexion der Ältertätigen und dies unabhängig vom formalen Bildungsniveau. Ob Tänzerin, Anwalt, Koch oder Schneiderin - sie denken kritisch über ihre Rolle, den beanspruchten Raum im Arbeitsmarkt und die Austauschbeziehungen im Tätigkeitsfeld nach. Keinesfalls möchten sie einem jüngeren Arbeitsuchenden eine Erwerbschance verbauen; dieser Vorwurf ist ihnen aus früheren Wirtschaftkrisen seit den siebziger Jahren vertraut.

Die Auskunftgebenden beschreiben eine breite Palette von Fähigkeiten und Fertigkeiten als Voraussetzung für ihr längeres Arbeiten. Ihre Aussagen wurden in vier Kategorien unterteilt: Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Soziale/kommunikative Kompetenzen und Selbstkompetenz. Diese letztgenannte Kategorie ist quantitativ am reichsten bestückt. Wie ist das zu erklären? Hätten die über 70Jährigen zwanzig Jahre früher gleich über sich gesprochen oder konzentrieren sie sich auf Sachverhalte, die sich stark auf ihre Ältertätigkeit beziehen? Auf den Vergleich mit Gleichaltrigen im Ruhestand? Die Antwort muss offenbleiben.

Keine Einzige auskunftsgebende Person beschränkt sich auf Aussagen in einer einzelnen Kategorie.

I. Fachliche und handwerkliche Kompetenzen

  • Fachwissen und durch Ausbildung erworbene Kompetenzen werden kommen nicht häufig zur Sprache; vermutlich sind sie für viele Befragte – zum Beispiel den Anwalt, die ausgebildete Schneiderin - eine Selbstverständlichkeit. Und sie werden als Erfolgsfaktoren überlagert von spezifischen Zusatztalenten, etwa sehr differenzierten Marktkenntnissen oder Beziehungspflegetalent. Erwähnt werden allenfalls disziplinspezifische Voraussetzungen wie räumliche Vorstellungskraft und Ideenreichtum bei Baufachleuten. Ein Gewerbetreibender erwähnt seine kaufmännische Seite als Bedingung für nachhaltigen Erfolg. Für die Therapeutin ist ständig Auseinandersetzung mit den neuesten Erkenntnissen ihres Fachgebietes zentral.
  • Handwerkliches und technisches Geschick, das «Machen», wird häufig herausgestrichen, vielleicht auch als Kontrast zur gesellschaftlich trendigen Betonung von Wissen. Stolz auf Geschicklichkeit der Hände und auf Vielseitigkeit wird geäussert; viele sehr Erfahrene äussern ein ressourcenreiches Selbstbild mit akkumulierter Erfahrung. Ein Baufachmann schildert sich als Allrounder mit einem Einsatzspektrum zwischen Bau-, Maurer-, Fliesenlege- und Schweissarbeiten. Der jüngere Nachwuchs ist da viel schmaler ausgestellt.

II. Methodenkompetenz

  • In dieser Kategorie blieben die Aussagen eher allgemein. Gesprochen wird von sicherem Umgang mit Komplexität und der Fähigkeit, sich im Umfeld strategisch zu bewegen. Logisches und analytisches Denken und analytisches Vermögen sind eine Art Standard.
  • Die Fähigkeit, Organisationen zu strukturieren und komplexe Vorhaben - etwa Bauprojekte - zu managen, kommen zur Sprache. Ruhe in ein arbeitendes System zu bringen, erachten mehrere Personen in Leitungs- und Beratungstätigkeiten für sich als bedeutsam. Übernehmen oder bestätigen sie damit ein Stereotyp der Altersgelassenheit?

III. Soziale und kommunikative Kompetenzen

  • Sehr oft wird über zwischenmenschlichen Fähigkeiten als zentrale Quelle für gute Ergebnisse erzählt. Ohne Wertung zuhören zu können, wird von mehreren in sozialen und therapeutischen Berufen Tätigen hochgehalten. Einfühlung, Zugewandtheit und das Ernstnehmen der Menschen ist für viele essenziell, einschliesslich Verständnis für Hintergründe und Kontext.
  • Zielgruppengenau zu kommunizieren, Begeisterung auszulösen, Menschen in den Bann ziehen wird erwähnt. Die Tänzerin erwähnt Humor und ausdrucksstarke nicht-verbale Kommunikation; die Kulturhaus-Mitarbeiterin setzt Witz und Gesang ein, um Konflikte zu entschärfen.
  • Wer nicht als Alleintätig/r unterwegs ist, braucht die Fähigkeit, sich in ein Team einzufügen; Vorgesetzte erzählen von ihrem Lernprozess – über Jahrzehnte hinweg – vom Ziele vorgeben zum kooperativen Verteilen von Verantwortung mit den Mitarbeitenden. Viele arbeiten in altersdurchmischten Gruppen; einige sehen durchaus Probleme und formulieren hohe Anforderungen an ihre Toleranz, damit Jüngere ihre eigenen Erfahrungen machen und andere als die bewährten Wege gehen können.

IV. Selbstkompetenz

In diese oft genutzte Kategorie fallen Verhaltensmerkmale, Haltung und Einstellungen; es kommt ein Katalog fast klassischer Arbeitstugenden zusammen.

  • Lernbereitschaft und Neugier: Neugierde wird als wichtigste Fähigkeit für ein erfülltes Alter genannt. Sie sei Voraussetzung, um lebendig zu bleiben. Andere sprechen vom Dazulernen als sein entscheidendes Talent; kognitiv gefordert zu sein, nähre die Motivation.
  • Hartnäckigkeit, Disziplin und Durchhaltewillen kommen oft zur Sprache. Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsgefühl sind hoch gewichtet. Oder der Mut, Dinge in Frage zu stellen, Risiken einzugehen und verzichten zu können.
  • Integrität, Selbstkontrolle und Selbstreflexion werden speziell auch von ökonomisch erfolgreichen Personen genannt. Nicht gierig zu werden, findet der Entwickler und Verwalter von Liegenschaften wichtig. Gerade Ältere sollten ihre Grenzen kennen und ständig reflektieren, mahnen mehre Auskunftgebende.
  • Intuition und Sensibilität erwähnt der Metzgerei- und Gastrounternehmer.
  • Kreativität, Problem- und Lösungsorientierung kommt mehrmals auf den Tisch; ein auffällig innovativer Unternehmer preist seine Kompetenz, Normen zu ändern, wenn es der Sache und dem Ziel dient.

Zwei rechte Hände und nicht zwei linke. Ein Beispiel

«Zwei rechte Hände und nicht zwei linke. Und logisch denken. Und der Mut, etwas anzupacken. Ja, das ist wichtig. Wenn man ein handwerkliches Problem hat, etwa eine Reparatur, muss man sagen: Ja, das ist die Lösung, ich mache es. Man kann auch sagen… vielleicht, und ich könnte noch….Und man könnte auch noch jenen Fachmann fragen. Man braucht ein gewisses Draufgängertum.

Heute auf den Baustellen ist es einfach, man arbeitet mit fertigen Elementen, es gibt weniger schwierige Situationen. Aber wenn es Probleme gibt, sind es gravierende mit grossen Konsequenzen. Wenn man den Fehler erst am Schluss bemerkt, ist schon alles geplättelt und dann sind Korrekturen verheerend. Ja, wenn man einen Fehler macht, hat es Konsequenzen. Dann ist er eingemauert. Doch da sind auch die vielen Probleme in alten Installationen, im alten Baubestand.

Wichtig ist sicher die kaufmännische Seite, Abrechnungen, das Kalkulatorische und alles, was ein 30-Jähriger nicht wissen kann. Ein 30-Jähriger kann nicht wissen, was ein 50-Jähriger und ein 70-Jähriger weiss. Und es gibt immer wieder Situationen, wo die Jungen nicht sicher sind, was zu tun ist. Sie fragen mich dann: Darf ich das oder ist das falsch? Die Rückfrage kommt zu mir und ich helfe.

Es ist einfach anders als früher. Als Alter muss man die Jungen machen lassen, wie sie es wollen. Man kann nicht sagen, man macht es so. Wenn einer es anders machen will, dann bitte, soll er es anders machen, sofern das Ergebnis stimmt. Ja, man muss sie machen lassen. Wenn sie auf die Nase fallen, fallen sie auf die eigene Nase. Man muss auch Fehler machen können und daraus lernen.»

Januar 2026/ ema

Talente und Kompetenzen