Die Vorstellungen der befragten Personen zum Ende ihres Tätigseins variieren stark und lassen sich zwischen verschiedenen Polen ordnen, wobei sich die Achsen auch überschneiden. Wie die Realität schliesslich aussieht, wissen wir erst in einigen Jahren.
Arbeit als Lebensform oder Berufung versus Tätigkeit mit Verfalldatum
Die Journalistin, der Metzger oder der Mechaniker können sich ein Leben ohne ihre Tätigkeit oder eine Rolle im vertrauten Berufsumfeld gar nicht vorstellen. Die Arbeit ist ihr Leben und sie verfügen über die organisatorischen Strukturen und Voraussetzungen, um zu bleiben, was sie sind. Andere fürchten die Leere oder den geistigen Abbau ohne konzentrierte, kompetente Arbeit und halten an ihr fest. Mehrmals wird der Wunsch geäussert, mitten in engagierter Tätigkeit zu sterben.
Am andern Pol bewegt sich zum Beispiel die Tänzerin mit ihrer Abhängigkeit von der Beweglichkeit ihres Körpers (wobei sie längst adaptive Schritte von der eigenen Performance zu Coaching und Beratung vollzogen hat). Oder der Arzt, der seiner eigenen Kompetenz nicht mehr ganz traut und seine aktuellen wie die potenziellen Patienten schützen will.
An Bewusstsein um die eigenen biologischen Grenzen fehlt es in keiner Erzählung.
Selbstdefiniertes Engagement versus Abhängigkeit von Vertrag oder Auftrag
Der Marketingspezialist und Multi-Projektmanager hat seine Gremienarbeit pflichtbewusst abgeschlossen und verschiedene Sessel in der Absicht geräumt, frischen Kräften Platz zu machen, doch er lanciert munter immer wieder neue Initiativen. – Die Gastronomin so wie die Leiterin des handwerklichen Ateliers reflektieren genau, ob sie jemandem vor der Sonne stehen – was ein Grund fürs Aufhören wäre – oder ob die eigene Arbeitsmotivation und das Feuer nachlassen. Sie wollen den richtigen Zeitpunkt keinesfalls verpassen, nie von Dritten rausgeschmissen werden und reduzieren den Radius ihres Tätigkeitsfeldes ganz allmählich. – Gegenteilig ist die Situation für den Anwalt in einer grossen Kanzlei, den Mitarbeiter einer Stadtverwaltung oder die Platzanweiserin im Opernhaus: Sie sind abhängig von Entscheidungen Anderer, die über die Kompetenz verfügen, ihren Vertrag aufzulösen oder substanziell zu verändern. Sie beobachten und nehmen Einfluss, über die Definitionsmacht in der Situation verfügen sie nicht.
Planung und Kontrolle versus schicksalhaftes Geschehen lassen
Gut durchdacht und systematisch hat der Immobilien-Unternehmer seine Rollen und Funktionen schrittweise reduziert und weitergereicht. - Pünktlich zum 75. Geburtstag hat die Politikerin ihre zivilgesellschaftlichen Engagements beendet, ganz im Einklang mit Berechnungen, dass heutige Ältere zehn Jahre länger fit bleiben als ihre Eltern. Sie halten das Heft in der Hand.
Den bedachtsam Planenden fehlt es kaum an weiteren Ideen für spätere Aktivitäten, zum Beispiel Reisen. Oft kommen Begriffe wie Reputation und Würde zur Sprache, man möchte sich sowohl das eine wie das andere bewahren. Für Gewissheit bei der Selbsteinschätzung sind alle auf ehrliches Feedback Dritter angewiesen.
Am Pol des «laisser faire et laisser aller» bewegen sich Auskunftgebende – Angestellte und Selbständige – die keinen Grund fürs Aufhören sehen, mit Freude arbeiten, sich den Anforderungen gewachsen erleben und zusätzliche Lohneinnahmen gern einstecken, weil diese den gewohnten Lebensstil sichern. Gelegentlich blitzt etwas Angst auf, dass ein unerwünschtes Ereignis den Gang der Dinge jäh abbrechen könnte.
Aufgehen in der Gegenwart versus Konzeptentwicklung für die Zukunft
Die Biobäuerin, die Organistin und der innovative Unternehmer beispielsweise konzentrieren sich explizit auf das Hier und Jetzt und blenden Gedanken an Tätigkeiten in der Zukunft aus. Was nicht ausschliesst, privat in eine kleinere Wohnung zu ziehen und das Sinkflug-Gefühl zu akzeptieren. Da zeigt sich viel Vertrauen in Zufall, Schicksal und Gelegenheiten. – Der Theologe und der Sanitärmeister warten ausdrücklich auf Ereignisse oder Entwicklungen, die quasi von aussen einen Schlusspunkt setzen, zum Beispiel ein Umzug der arbeitgebenden Firma. Auch gegenwartsgesättigte Auskunftgebende ohne Torschlussideen sind nicht durchwegs konsequent; sie äussern Phantasien für die noch nebulöse Zeit danach, zum Beispiel eine Oldtimerfahrt zum Nordkap oder die Remigration in Europas Süden.
Interessant ist, dass die Muster des Übergangs von der regulären in die Ältertätigkeit sich nicht mit den Vorstellungen vom Übergang der Ältertätigkeit in eine Zeit ohne Engagement decken. Offenbar prägen weniger persönliche Merkmale als zusätzliche Erfahrungen oder die neue Situation im Lebenszyklus die Auseinandersetzung mit Künftigem.
Folgenreich und einschneidend ist die Wirkung einer ernsthaften Erkrankung für Ältertätige mit vielleicht 2,3 Wochen Arbeitsausfall. Auftraggebende oder Kunden geben ihnen kaum eine weitere Chance, ordnen sie zügig den alten Eisen zu und kümmern sich rasch um Ersatz.
April 2026/ ema