Vielzahl von Rollen

Vielzahl von Rollen macht stark im Kopf

Wer im Lauf der Jahrzehnte seines Lebens oder parallel in einer Phase, zum Beispiel zwischen 65 und 75, ganz unterschiedliche Tätigkeiten und viele Rollen ausübt, meistert vielfältige Situationen und ist emotional, kognitiv und praktisch gefordert. Das setzt eine breite Palette von Kompetenzen, Handlungsfähigkeiten und empathischen Reaktionen voraus. Am selben Tag ein Referat in englischer Sprache zu halten, ein kleines Unternehmen in der Gesundheitsbranche vor dem Konkurs zu bewahren, im Vorstand eines Kulturvereins Ideen zur Geldbeschaffung beizusteuern und zu guter Letzt die Enkelin in den Schlaf zu singen, mobilisiert ganz unterschiedliche Seiten der Persönlichkeit. Solche Aktivierung und die damit verbundene Weiterentwicklung macht Menschen stärker, auch im Alter.

In diesem Zusammenhang sind Konzepte wie «kognitive Reserven» oder Resilienz von Bedeutung. Basierend auf langjähriger Beobachtung und Forschung belegen sie einen engen Zusammenhang zwischen alltäglichen anspruchsvollen Herausforderungen und gesundem Funktionieren des Gehirns. Anspruchsvolle intellektuelle, sportliche und soziale Tätigkeiten mehren Ressourcen im Gehirn, die alters- oder krankheitsbedingten Abbau verzögern und/ oder kompensieren. Verwandt damit steht die These im Raum, dass Frauen in unseren Gesellschaften deutlich älter werden als Männer, weil sie sich zeitlebens und simultan in ganz unterschiedlichen und mehr Rollen zu bewähren haben als Männer.

Die auskunftgebenden Personen praktizierten nicht nur während des gesamten Lebenslaufs mancherlei Engagement in Beruf und Zivilgesellschaft; jenseits von 65 geht es bruchlos weiter. Die meisten berichten mit über70 von mehreren bezahlten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten, innerfamiliäre Aufgaben, persönliche Hobbies und Sport nicht mitgerechnet. Die Mischung ist erwartungsgemäss unterschiedlich: Die Spanne reicht von stark fokussierten (in sich wiederum komplexen) Tätigkeiten bis zu einem Strauss diverser Engagements und Einsätzen an verschiedenen Orten.

Was auf den ersten Blick einfach scheint

Für die Gastrofachfrau steht der Service von Mahlzeiten im Dementenheim im Zentrum, doch um auf der Höhe zu bleiben, besucht sie regelmässig Weiterbildungen, und sie setzt sich gern mit den deutlich jüngeren Arbeitskolleg:innen auseinander. - Der Metzger ist Geschäftsführer, Produktentwickler, Kundenbetreuer, Filialgründer und Personalchef im eigenen Unternehmen. - Die Betriebswirtschafterin co-leitetet ihr Forschungsinstitut, betreut Personal, forscht aktiv, publiziert Bücher, organisiert Buchvernissagen, an denen sie selbst auch auftritt, diskutiert an Kongressen, beurteilt für Fachzeitschriften wissenschaftliche Publikationen und bewährt sich als hilfsbereite Nachbarin.

Komplementäre Engagements

Der Schreiner und Architekt leitet seine Handlauf– Produktions- sowie Installationsfirma und eine Neugründung für Inhaus-Lifte; parallel dazu wirkt er auch in der Leitung eines von ihm eingerichteten Gebets- und Begegnungshauses mit. – Die frühere Mitarbeiterin der Flughafen-Reiseabfertigung bleibt als Mitarbeiterin der Airport-Seelsorge der Fliegerei verbunden; parallel dazu fördert sie als Seniorin im Klassenzimmer die Leistungen von Kindern im Primarschulalter.

Vielfalt um ein Grundthema herum

Der frühere Bildungsfachmann und ehemalige Pfadiführer organisiert sein «Bonusleben» mehrheitlich im Ausland um sein Musikinstrument herum. Er spielt in Orchestern, organsiert aber auch mehrere Kammermusik-Ensembles samt Konzertauftritten. Um sein Wirkungsfeld im europäischen Norden besser auszuloten, konzipiert, vermarktet und realisiert er Langsamreisen. – Die Tänzerin organisiert und leitet Kurse, plant und tritt auf für die eigene kleine Compagnie, wirkt als Beirätin und Residenzbetreuerin einer Institution, tritt als Gastreferentin auf und schreibt Finanzierungsgesuche für neue Projekte.

Bunter Strauss von Gelegenheiten

Nach jahrzehntelangem Engagement in Drittweltländern hat die Erzieherin wieder in der Schweiz Fuss gefasst; als politisch wache Frau entdeckte sie verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Aktuell stecken vier Verpflichtungen in ihrem Job-Portfolio: Tandempartnerin kulturferner Jugendlicher in der Leseförderung, Wohnstart-Mentorin für neu in der Schweiz Angekommene im Auftrag eines Hilfswerks; Aufsicht im Museum und Sprecherin der Freiwilligengruppe; parallel zu allem führt sie auch Hunde anderer Leute zum Versäubern und Bewegen aus. – Der aus Italien stammende Bauarbeiter hat sich nach 70 wieder in der alten Heimat niedergelassen und Brachland in einen produktiven Olivenhain verwandelt, dessen Früchte er konsequent verwertet. Er baut Häuser um, repariert Velos für die dörfliche Nachbarschaft und hält im Sinne der Kreislaufwirtschaft wertvolle ausgemusterte Schweizer Taschenmesser auf regionalen Märkten feil.

Mai 2026/ ema

Vielzahl von Rollen macht stark und resilient