Lockt Geld die Älteren hinter dem Ofen hervor?
Themen rund um Geld nehmen in der öffentlichen Diskussion um freiwilliges längeres Arbeiten viel Raum ein. Materielle Motive, Anreize und Massnahmen stehen im Fokus. Zu Recht? Unsere Ergebnisse legen andere Akzentsetzungen nahe. Im Kontext, in dem sich alle Menschen bewegen, gehört Geld sicher zu den wichtigen Einflussfaktoren auf Alltagsgestaltung und Lebensentscheidungen. Ein breiter Fächer von Wertungen und Interpretationen – je nach sozialem oder kulturellem Milieu – prägt Erwartungen, Erleben und Erzählen der im Projekt befragten Personen über materielle Bedingungen und Bedürfnisse. Zentral sind und bleiben für sie Freude und Erfüllung in der konkreten Tätigkeit.
Dabei wirkt Geld in höchst differenzierter Weise in die positive Bilanz des Tätigseins im reiferen Alter hinein. Alles andere wäre erstaunlich, sind die Älteren doch voll in die wirtschaftlichen Kreisläufe integriert. Mit Arbeits- Versicherungs- und Kapitaleinkommen bestreiten sie ihren Lebensunterhalt und gewinnen sie Handlungsmöglichkeiten. Sie konsumieren, beanspruchen Dienstleistungen und schaffen damit Arbeitsplätze; sie investieren und sie kassieren Dividenden – und als Immobilienbesitzende - Mieten. In subtiler Weise, das zeigt «ältertätig» klar, spielt Geld zuweilen als Form von Anerkennung und Wertschätzung eine Rolle. Auch der Begriff Fairness kommt ins Spiel, man will in der Arbeitswelt gleich eingestuft werden wie (jüngere) Kolleginnen und Kollegen; da verhalten sich die Älteren gleich wie junge Jahrgänge in gängigen Lohndisputen. Verblüffend ist die Vielfalt von Bedeutungen und Ansprüchen für einzelne befragte Personen, je nach Kontext, in dem sie sich jeweils bewegen. Dieselbe Frau kann sich über schlechte Bezahlung im einen ihrer Engagements, unverhältnismässig hohe Honorierung in einem zweiten Tätigkeitsfeld und grosse Zufriedenheit im pro bono Einsatz äussern.
Personen im Rentenalter wissen genau, dass die Gesellschaft von ihnen keine Erwerbsarbeit erwartet. Sie betonen, sich in aller Freiheit für ein oder mehrere Engagements entschieden zu haben. Alle betonen, wie bereits formuliert, wie gern sie ihre Tätigkeit ausüben. Wurde bohrend nachgefragt, ob die Tätigkeit in der aktuellen Form auch bei höheren Einnahmen und grösseren Geldreserven ausgeübt würde, ergaben sich keine eindeutigen Antworten. Die Grenzen zwischen Überlebensnotwendigem und Vermeidung unangenehmen Einschränkungen sind subjektiv, situativ und fliessend. Arbeitsmotivation und Freude an materiellen Ressourcen stützen sich (auch) bei Ältertätigen wechselseitig.
Reden über Geld
Die in der Schweiz gängige Scheu in der Kommunikation über persönliche finanzielle Verhältnisse dürfte bei der Zurückhaltung in Erzählungen über Einkommen eine Rolle spielen. Geld wird gemeinhin der Privat- oder gar Intimsphäre zugeordnet.
Etliche materiell gut situierte Befragte wünschen nachdrücklich, nicht als geldgierig wahrgenommen zu werden. In diesem Anliegen von ü70 zeigen sich vermutlich Normen des eigenen sozialen Umfeldes, bzw. traditioneller schweizerischer Milieus, in welchen Reichtum zu zeigen als vulgär galt. Und es spiegelt sich das rasante Wohlstands-Wachstum in der Lebensspanne der befragten Personen. Zu Beispiel, wenn ein Auskunft gebender Mann erzählt, dass er seinen Eltern nie zu sagen wagte, wie hoch sein Einkommen tatsächlich war/ist.
Wieviel Einkommen braucht man?
Und wo gibt es Jobs?
In den Interviews zeigt sich ein breites Spektrum von Vorstellungen über notwendige – Not wendende – materielle Ressourcen. Die Generation der heute Siebzigjährigen hat gelernt, notfalls auch mit wenig Geld im Portemonnaie über die Runden zu kommen; man verfügt bei den eigenen Ansprüchen über Elastizität. Manche, vor allem Frauen, nehmen die Herausforderung sportlich und mit Fantasie; eine davon erzählt mit Stolz vom kürzlich erfolgten Umzug in eine Wohngemeinschaft, was substanziell Mietkosten einspart.
Die politisch festgelegten Massstäbe für Armut sind bekannt, die Sozialhilfebehörden definieren verbindliche Grenzen. Unsere Studie zeigt, dass die subjektiven Normen und Limiten für Bedürftigkeit sich mit den Sozialhilfe- Definitionen nur begrenzt decken. Menschen pflegen sich und ihre Verhältnisse generell zu reflektieren und zu interpretieren; sie nehmen Anpassungen an ihren Ansprüchen und ihrem Identitätsbild vor. Um mit ihren realen Situationen überhaupt fertig zu werden und dies passend zu sozialem Milieu und persönlichem Stil. Einzelne Schilderungen wirkten auf die Forschenden beschönigend.
Auffällig ist, dass in den Interviews keinerlei Forderungen nach höheren AHV-Renten oder weiteren Ergänzungsleistungen formuliert werden; die geltenden Regeln sind in diesem ausgewählten Personenkreis allen bekannt und akzeptiert. Doch wir entdecken eine kaum beachtete Gruppe von «Selbstbestimmten» ohne Lobby in der Öffentlichkeit; vertiefte Analysen müssten ihren quantitativen Umfang klären. Selbst für den Lebensunterhalt zu arbeiten, sich selbst zu helfen, ist für diese Gruppe älterer Person erste Wahl oder schlicht selbstverständlich. Gesellschaftliche Hilfe einzufordern, steht für sie weit hinter dem Konzept von Eigeninitiative oder Autonomie zurück.
Umso klarer und lauter sind ihre Forderungen nach verlässlichen, längerfristigen Erwerbsmöglichkeiten für Personen über 65, konkret: Jobs mit 1000, 1200 oder 1500 Franken Monatseinkommen zur Ergänzung der Rente(n). Ein entsprechender Arbeitsmarkt fehlt in der Schweiz. Eine Befragte beklagt die Konkurrenz von Ehrenamtlichen bei ihr zusagenden Tätigkeiten in der Bibliothek oder im Museum; sie wird als bezahlte Arbeitskraft erst aufgeboten, wenn sich niemand aus dem Kreis der pro bono Tätigen mobilisieren lässt. Die überwiegende Mehrheit der Ältertätigen arbeitet heutzutage selbständig oder im Auftrag, ist kulturschaffend (mit Portfolio), im eigenen Unternehmen oder im Gewerbe beschäftigt. Vgl. dazu oben: Neues Wissen/Zusammensetzung der Personengruppe.