Mehrwert des Tätigseins

Immaterielle Bereicherung durch Engagement

Arbeit gegen Geld lautet die gängige Formel für das alltägliche Tauschgeschäft erwerbstätiger Personen. Längst wissen wir, dass darüber hinaus viel Identität Stiftendes mit Arbeit und Beruf verbunden ist, nämlich Status und soziale Beziehungen, materielle Situation, körperliches Befinden oder Sinn und Anerkennung als Orientierungsgrössen im Alltag. Wie erleben das Ältertätige über 70? Wie erzählen sie über das Surplus aufgrund ihres Engagements? Die Frage nach Wirkungen, Nutzen oder Gewinn für langjährig Engagierte stand im Zentrum des Projektes «ältertätig». Vielleicht lassen sich daraus auch Antworten auf die Frage herausschälen, warum sie das Arbeiten einem Ruhestand vorziehen?

Die Fülle und Vielfalt von Aussagen sind hier in vier Abschnitte (individueller, sozialer, gesellschaftlicher und struktureller Gewinn) unterschiedlichen Umfangs gegliedert; die meisten Auskunftsgebenden bewegen sich in mehreren Kategorien. Das Thema Geld und Einkommen ist in einem eigenen Kapitel dargestellt.

Die Häufung von Aussagen zum eigenen Nutzen sticht bei der Durchsicht aller Protokolle sofort ins Auge: Mit der längeren Lebenserwartung heutzutage bleibt man vor allem sich selbst zuliebe engagiert und verfolgt konkrete Handlungsziele. Die Befragten stärken eigene Kompetenz, Bedeutung und Selbstwert, mehren ihre kognitive Reserven, beugen geistigem und körperlichem Abbau vor usw. Wie war das vor zehn, zwanzig Jahren? Früher wurde häufiger von der wertvollen sozialen Vernetzung gesprochen, von Beziehungen, die nach Aufgabe der Erwerbstätigkeit ausdünnen oder verloren gehen. Die Alterungsforschung liesse eine deutliche Wende vom Hedonismus zu Sozialem und Generationen Übergreifendem erwarten, was in unserem Material wenig ausgeprägt ist; doch vielleicht befinden sich unsere Befragten noch nicht in dieser biografischen Entwicklungsphase.

Vermutlich spiegeln sich in unseren Daten zwei aktuelle Trends, die medial stark präsent sind: Individualismus und Fitnessoptimierung im Hinblick auf das lange Leben. Longevity ist ein lukrativer Zweig von Life Science, Pharmaindustrie und Medizin. Auch wer nicht mit vielerlei Mitteln gegen den Alterungsprozess ankämpft, integriert alltägliche Routinen wie ausgiebige Bewegung und achtet auf Ernährung und Lebensstil, um über die ausgedehnte Lebensspanne hinweg funktionale Kompetenz zu sichern. Auf ihr basiert – gemäss Definition der WHO - die Möglichkeit eines Menschen, zu sein und zu tun, was ihm wertvoll ist. In verschiedenen Rollen kompetent zu wirken, hat für die meisten Befragten einen hohen Stellenwert.

Person als aktive Agentin

Warum ist das Persönliche so wichtig? Älterwerden ist kein Vorgang, der natürlich/ biologisch über das Individuum hereinbricht. Der Zusammenhang, bzw. die Wechselwirkung zwischen Erwartungen anderer (die übernommen und internalisiert werden) und konkreter Handlungsfähigkeit ist gut erforscht. Juhani Ilmarinen beispielsweise hat schon Ende des letzten Jahrhunderts in seinen empirischen Studien einen engen Zusammenhang zwischen der Leistungsfähigkeit älterer Mitarbeitender und den Erwartungen/dem Vertrauen ihrer Vorgesetzten nachgewiesen. Ursula Staudinger geht weiter; sie erforschte die positive Plastizität in der menschlichen Entwicklung, auch in späteren Jahren, im komplexen Zusammenspiel zwischen biologischen, sozialen und kulturellen Einflüssen sowie persönlichem Verhalten. Sie zeichnet einen stufigen dynamischen Prozess, in dem der menschliche Organismus, der Kontext (Institutionen, Umwelt) und die Person mit ihren Einstellungen, Erwartungen und ihrem Verhalten zusammenwirken; letztere wirkt als eine aktive Agentin/ Agent des Geschehens. Der individuelle Vorgang ist eingebettet in eine spezifische historische Situation, die Gruppenphänomene modelliert.

Persönlichkeitsbezogene Gewinne

Das engagierte Tätigsein wahrt die Identität als kompetente Persönlichkeit, trägt zum positiven Selbstbild und damit zum Selbstwert bei. Ich und arbeitendes Ich sind manchmal deckungsgleich. Die Auskunft gebende Therapeutin beispielsweise erlebt sich beruflich eins und einig mit ihren besten eigenen Kräften; nie erfährt sie sich intensiver als beim Lösen von Problemen von Patienten. Der Klavierbauer fühlt sich nie lebendiger als beim Reparieren und neu Zum-Erklingen-Bringen historischer Hammerklaviere. Musisch oder handwerklich Tätige verbinden ihr Tun oft lebenslang mit den Begriffen Selbstausdruck und Leidenschaft.

Das Erleben, durch das eigene konkrete Tun sichtbare Wirkung zu erzielen, wird von vielen Befragten als tief befriedigend geschildert; es wird mit dem Begriff «Selbstwirksamkeit» etikettiert. Zum Beispiel wenn die Reparatur eines alten Motors gelingt, nachdem vier andere Mechaniker an der Aufgabe gescheitert sind.

Andere Auskunftsgebende sprechen von ihrer markanten positiven Rolle, die ihr Selbstgefühl stärkt. Im soziokulturellen Umfeld der Oper zu arbeiten, verleiht einer Person Bedeutung. Der Sanitärmeister betont seine Rolle als Wissensträger, als einzigartiges Gedächtnis und Archiv des Betriebs, was ihm auch gegenüber allen anderen Mitarbeitenden eine spezielle und konstruktive Position sichert.

Manche Auskunftsgebende definieren gewisse anspruchsvolle berufliche Situationen als Bewährungsgproben, deren Meisterung im Voraus nicht garantiert ist. Umso grösser ist die Erleichterung, wenn’s gelingt. Diese Erfahrung von Bewährung und Selbstüberprüfung wurde auch im Rahmen der Selbstevaluation der Citizen Scientists im Rahmen des Projekts mehrmals formuliert.

Erwartbar sprachen einige Befragte von Sinnstiftung und Vertiefung der Existenz im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit. Dabei wird eine Reflexionsebene wahrnehmbar, Sinn liegt ja nicht unmittelbar in einer Tätigkeit; es handelt sich um eine persönlich/ gesellschaftliche Zuschreibung oder Bewertung. Nahe liegt solche Zuschreibung bei der Fachfrau, die Demenzkranke kulinarisch betreut. Weniger transzendent tönt die Schilderung von nützlicher Orientierung und Ausrichtung des Lebens auf fassbare Ziele dank Tätigseins, sie meint aber etwas Vergleichbares.

Ein Architekt, Baufachmann und Genossenschaftsaktivist erlebt seine Arbeit als Jungbrunnen, andere erzählen von einem Quell von Lebensqualität und Vitalität; engagierte Tätigkeit hilft einzelnen, sich «nicht als Senior zu fühlen».

Berufsbezogene Weiterbildung wird generell ab 65 kaum mehr absolviert, doch mehrere Auskunftgebende erzählen gern über qualifizierende Kurse und Workshops im Umfeld ihrer Tätigkeit, die sie bereichern. Die Gastrofachfrau im Service zum Beispiel weiss inzwischen viel über Demenz und fühlt sich kompetent im Umgang mit Betroffenen. Die teilzeitliche Museums-Mitarbeiterin nimmt gern und mit Gewinn an kunsthistorischen Einführungen zu neuen Ausstellungen teil, die sie bewacht. Das Thema Weiterbildung wird in einem separaten Kapitel auf dieser Website ausführlicher behandelt.

Auffallend viele Befragte sehen ihre Arbeit als Prävention im Alterungsprozess. Die Ökonomin z.B. sieht ihr Forschen und Publizieren als Mittel gegen das „Rosten“ und gegen kognitiven und körperlichen Abbau oder Verfall. Die Alterspsychologie gibt ihnen Recht mit dem Leitspruch «Use it or lose it»; wer über Jahre hinweg anspruchsvolle Leistungen präsentiert, ist eher imstande, diese auch mit 85 noch vorzuweisen.

Arbeit kann auch therapeutisch wirken. Nach der Diagnose einer schweren Krankheit beschliesst der Ökonom und Berater, eine neue Firma zu gründen und tatsächlich hilft ihm diese «Medizin», um die Krise zu überwinden. Nach dem Verlust seiner Partnerin diente die Weiterarbeit dem Handwerksmeister als Anker und Ablenkung vom Leid. Gut definierte Arbeitseinsätze können als «Oasen» auch Ängste oder Gefühle von Leere und Einsamkeit reduzieren.

Weniger therapeutisch als praktisch ist Arbeit eine zeitliche Strukturierungshilfe im Alltag. Der Theologe wird unzufrieden, wenn sich die Tage wie unorganisiertes „Birchermüesli“ anfühlen und die Zeit einfach ungenutzt verrinnt.

Soziale Beziehungsgewinne

Als soziale Wesen sind Menschen auf die Gesellschaft anderer angewiesen; dass sich alle erst durch die Blicke anderer selbst erfahren, ist eine Binsenwahrheit. Für viele Berufstätige ist das Team am Arbeitsplatz eine zweite Familie, die mit der Pensionierung wegfällt. In unserer Studie fällt auf, dass viele der über 70Jährigen mit verbindlicher Tätigkeit allein leben. Die Arbeit vermittelt ihnen (und sehr vielen Erwerbstätigen jeden Alters) Zugehörigkeit, Austausch, Anerkennung, Kooperation und verlässliche Beziehungen, sei es zu Kolleg:innen oder zu Kunden. Der sehr erfahrene Handwerker schildert die alltägliche Zusammenarbeit mit jüngeren Generationen im Betrieb als bedeutsam und sehr belebend; sie öffnet seinen Horizont und vermittelt ihm Wertschätzung. Die Wirtin, erst nach 65 in diesen Beruf umgesattelt, erklärt dezidiert, sich noch nie im Leben so glücklich gefühlt zu haben wie jetzt. Dazu trägt das wahrnehmbare Wohlbefinden und unmittelbares positives Echo ihrer Gäste auf Angebot und Atmosphäre in ihrem Lokal wesentlich bei. Der Soziologe Hartmut Rosa ist überzeugt, dass Arbeit uns mit der Welt verbindet, wenn wir einerseits existentiell berührt werden, also Resonanz erleben. Anderseits wenn wir auf die Verhältnisse einwirken und persönliche Spuren hinterlassen, also Selbstwirksamkeit entfalten.

Etwas abweichend von Resonanz, aber gleichfalls auf Beziehungen basierend, ist die Bedeutung des Gebrauchtwerdens. Die Architektin erfährt es nach einer unfallbedingten Pause sehr stark; die Mitarbeitenden melden sich vermehrt mit Fragen und Anliegen, sie spürt ihre Relevanz und dass nicht delegierte Aufgaben auf sie warten. Das Gebrauchtwerden könne «die Menschen sogar von körperlichen Schmerzen ablenken», stellt sie fest.

Die Tätigkeit funktioniert wie eine Brücke zur Gesellschaft, vermittelt eine aktive Rolle und schützt vor Einsamkeit.

Politisch/gesellschaftliche Einflussnahme

Die befragten Personen sind in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts politisch wachgerüttelt worden, etliche der Befragten waren in alternativen oder auch ganz bürgerlichen Bewegungen engagiert. Ihnen bleibt das Bewusstsein, politische Akteur:innen zu sein, auch wenn sie keine expliziten Rollen ausüben. Ihr Selbstanspruch ist es, Einfluss zu nehmen, wichtige Werte weiterzugeben oder soziale Gerechtigkeit zu fördern. Die Ökonomin arbeitet mit grosser Disziplin an gesellschaftlich heissen Fragen wie Geschlechtergerechtigkeit oder Auswahlverfahren für Spitzenpositionen; sie distanziert sich entschieden von «steriler Pipifax-Empirie», die sie in ihrem Fachgebiet oft beobachtet. Die Pädagogin und frühere Schulleiterin setzt Wissen, Kompetenz und viel Zeit ein, um Zugewanderte sprachlich fit zu machen und sieht das auch als Beitrag zu einer bunten, inklusiven Gesellschaft, die ihr politisches Programm ist. Und der Architekt plant, beziehungsweise baut konkret an einer Alters-Wohngemeinschaft, die er auch als zukunftsweisendes Modell für viele versteht.

Strukturelle Ressourcen

Auf einer anderen Ebene angesiedelt und hier nur kurz erwähnt sind nützliche Einrichtungen wie Werkstatt, administrative Räume oder Ersatzteillager, die zwar zur persönlichen Ältertätigkeit gehören, aber für individuelle Beschäftigung und Belange leicht zugänglich sind. Wer gekonnt Schneefräsen und Lastwagen einsetzt, um im Frühsommer eine Passstrasse für den Verkehr freizulegen, dem steht in den Werkräumen allerhand Gerät auch zum Unterhalt des eigenen Automobils zur Verfügung. Das erweitert Handlungsspielräume.

    Elisabeth Michel-Alder/ Juni 2026

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