Innovationskraft ohne Verfalldatum
Den Älteren falle nichts Neues ein, wird kolportiert. Dass dies bei Kulturschaffenden nicht zutrifft, ist uns geläufig. Soeben hat der Schweizer Charles Lewinsky mit 80 einen auch formal kreativen neuen Roman veröffentlicht. Pablo Picasso malte bis wenige Stunden vor seinem Tod mit 91 Jahren. Unsere Forschungen sprechen dafür, das Potential für Neues auch den Tätigen anderer Fachbereiche zuzutrauen. Wer mit 25 kreativ war, hat gute Chancen, sich auch mit 70 Neues einfallen zu lassen.
Die auskunftgebenden Personen schufen jenseits der magischen Grenze von 65 eine beeindruckende Vielfalt von Innovationen: Dinge, die es zuvor nicht oder nur in anderer Form gab. Neue Organisationen, Einrichtungen, Produkte und Dienstleistungen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Hier ein paar Beispiele:
Wirtschaftliche Innovationen
Neue Organisationen mit neuen Produkten
Bei der Gründung eines Dienstleistungsunternehmens für Pflege zuhause stehen für den früheren Ökonomen und Berater ein faires Anstellungsmodell und der Ehrgeiz, beobachtbare Missstände zu vermeiden im Fokus. Rentabilität nach der Startup-Phase selbstverständlich auch. - Der Schreiner und Architekt richtet mit 73 Jahren eine neue Aktiengesellschaft ein, um einen neuartigen, einfachen und kostengünstigen Hauslift für Menschen mit Gehbehinderung zu bauen und zu verkaufen. - Der frühere Bauarbeiter und Remigrant verwandelt ein verwildertes Grundstück in einen prächtigen Olivenhain mit grüngolden fliessendem Ertrag. Parallel dazu erfindet er sich neu als Marktfahrer mit hochwertiger Secondhand-Ware aus der Schweiz, vor allem Sackmessern. - Die erfolgreiche Journalistin gestaltet im vertrauten Quartier einen ehemaligen Laden um in ein Café, das als Quartiertreffpunkt und Oase funktioniert.
Neue Betriebszweige
Der Koch und Gastgeber baut einen neuen Betriebsarm auf nach der Ausbildung zum Wanderleiter; er etabliert geführte Touren als festes Angebot und zieht zusätzliche Gäste an. - Der Marketingspezialist und Projektentwickler gliedert der vor Jahren gegründeten Bierbrauerei einen eigenen Hopfengarten an. - Die Wirtin richtet im Gästebereich eine Verkaufs-Ecke für Secondhand-Bekleidung und ausgewählte Drittweltprodukte ein.
Neue Produkte
Der Goldschmied spezialisiert sich auf kreatives Upcycling von altgedientem Schmuck und entwirft originelle individuelle Spazierstöcke. - In Zusammenarbeit mit den Materialwissenschaftern der ETH Zürich, dem Institut EMPA, entwickelt ein Architekt und Baubiologe eine neuartige Innendämmung aus Aerogel und Lehm. Nebenbei entwirft und baut er einen Bühnenwagen zur Vermietung für verschiedenste Veranstaltungen.
Prozessinnovationen
Der Metzger hat enormen Erfolg mit neuen Rezepten, Präsentationsarten für Fleisch im Hochpreissegment und der Kombination von Fleischverkauf und Bistrobetrieb. - Die Therapeutin absolviert regelmässig Weiterbildungen und erweitert ihre bewährten Praktiken mit neuen Behandlungstechniken.
Soziale Innovationen
Mit Erreichen des Rentenalters lockern sich für viele Frauen und Männer die Erwerbszwänge; man muss seine Kompetenz und Kapazität nicht mehr umfassend für Lohnarbeit einsetzen. Diesen Freiraum nutzen viele der Befragten, um persönliche oder politische Herzensprojekte zu realisieren. Auch hier geht es um neue Strukturen, neue Produkte und neue Prozesse.
Der Architekt und Unternehmer erwirbt weit abseits des Trubels eine Immobilie, die er zum Gebetshaus – als Anlaufstelle und Zufluchtsort für Menschen in Not - umbaut und betreibt. – Der vom Kirchenmanagement in die Seelsorge umgestiegene Theologe gründet im wachsenden Industrieort einen Treffpunkt (samt Trägerverein), der Deutschkurse und Integrationshilfe für Geflüchtete anbietet. – Der zeitlebens alternativ tätige Architekt gründet eine schwächelnde Wohngenossenschaft neu mit dem Ziel, ein Modell für gemeinschaftliches Wohnen im Alter zu realisieren. – Zusammen mit einer über Jahre hinweg kommunal stetig engagierten Gruppe Gleichaltrigen und Gleichgesinnter übernimmt die Sozialarbeiterin den ausgedienten Bahnhof, entwickelt ihn zum Kulturtreffpunkt, vertreibt während der Pandemie eine Zeitschrift und erreicht schliesslich, dass die selbstorganisierte Initiative von der Gemeinde in einen offiziellen und finanziell geförderten Seniorenrat verwandelt und aufgewertet wird.
Bildung und Wissenschaft
Die frühere Journalistin und spätere Gefängnisdirektorin ist treibende Kraft beim Aufbau einer Beratungsorganisation für Nonprofit-Unternehmen; noch glänzendere Lorbeeren verdient sie sich für die Schaffung und Betreuung eines Bildungsnetzwerks von Personen ü60 mit inzwischen rund 600 Mitgliedern, die – stets als Anbietende wie als Lernlustige - Bildungsimpulse tauschen. – Das initiative Multitalent in den Bergen entwickelt spezielle pädagogische Natur-Exkursionen für Schulklassen im Nationalpark und organisiert auf eigene Faust Vogelexkursionen ins Donaudelta. – Die Wirtschaftswissenschafterin und Universitätsprofessorin baut gemeinsam mit ihrem Mann und mit eigenem Vermögen ein privates Forschungsinstitut auf, um unabhängig wissenschaftlich tätig zu sein.
Kulturelle Innovationen
Der Klavierbauer und -pfleger richtet mit seiner Kollektion wertvoller alter Tasteninstrumente einen „Salon des Pianos“ ein und entwickelt diesen mit speziellen Konzerten und Führungen zu einem kulturellen Hotspot. – Die frühere Lehrerin und Kirchenorganistin übernimmt das Präsidium des kantonalen Berufsverbands und ist massgeblich am Aufbau einer Quereinstiegs-Ausbildung für Organisten beteiligt mit dem Ziel, Lücken im sonntäglichen Orgeldienst zu vermeiden. Als Vorstandsmitglied einer traditionellen winterlichen Bäuerinnenschule wirkt sie auch tatkräftig an der Verwandlung der Einrichtung in einen Kulturtreffpunkt mit. – Zwar hat die Tänzerin schon mit gut 60 zusammen mit einem jüngeren Partner mit einer neuen Company eine eigentliche Alterskarriere gestartet, um Generationen übergreifende Projekte auf die Bühne zu bringen, doch ein Dutzend Jahre später fällt ihr immer wieder auf, wie sie bewährte Stücke neu interpretiert. Zuschauende bestätigen die Innovationen. Sie bietet im humanitären Bereich, bei der Integration von Migrant:innen, neue Bewegungs-Workshops an und schreibt Finanzierungsgesuche für neue Experimente mit Körper und Bewegung.
April 2026/ ema