Was ermöglicht längeres Arbeiten

Sichtweise der Betroffenen

Den Auskunftgebenden fällt eine Vielzahl von rechtlichen, institutionellen und betrieblichen Rahmenbedingungen ein, die motiviertes Arbeiten über die Referenzgrenze hinaus attraktiver, einfacher oder überhaupt erst möglich machen. Ihre Aussagen spiegeln die kontroverse aktuelle Diskussion in Politik und Medien; sie gucken durch rote, blaue und schwarze Brillengläser. Nur in wenigen Punkten ist man sich einig. Originelle und überraschende Positionsbezüge sind eher rar.

Forschende und Projektleitung haben im Rahmen ihrer Selbstreflexionsrunden auch über solche Voraussetzungen nachgedacht. Diese Perspektive wird als unabhängiger Text im zweiten Teil dieses Kapitels präsentiert.

Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen

Übertrittsalter
Bei unserer Auswahl von Interviewten liegt das Hinterfragen des geltenden Referenzalters nahe. Generell ein Übertrittsalter für alle festzulegen, leuchtet niemandem ein, denn die Menschen altern sehr unterschiedlich. Viele plädieren etwas unverbindlich für Flexibilität und individuell angepasste Lösungen; persönliche Wünsche und gesundheitliches Befinden sollen den Ausschlag geben. Ist das ein Schritt zurück ins frühe 20. Jahrhundert? Als jede und jeder sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bis zuletzt nützlich machte und zum Lebensunterhalt beitrug? Als Bundesrat Adolf Deucher 1912 mit 81 Jahren im Amt verstarb? Für manche Befragte, die nie mit Arbeiten aufhören möchten, wohl schon. Wahrscheinlich lässt sich schlussfolgern, dass man das freie Experimentieren mit Arbeit und Freizeit für zukunftsträchtig, die Altersguillotine mit 65 dagegen für unzeitgemäss oder sogar schädlich hält. Häufig wird argumentiert, dass diese Guillotine die Beschäftigungschancen der Erwerbstätigen über 55 schwer beeinträchtigt. Auch eine gesetzlich fixierte, stufenweise Erhöhung des Übertrittsalters für alle findet keine Befürworter.

Befristung der AHV-Beiträge auf Einkommen
Mehrere – vor allem materiell gut Gesicherte – akzeptieren ungern oder widerwillig, dass lebenslang vom Einkommen AHV-Beiträge abgezogen werden und bezeichnen das als demotivierend. Tatsächlich funktioniert diese Belastung wie eine zusätzliche Einkommenssteuer. Gefordert wird, ab 70 Jahren, wenn allfällige Beitragslücken gestopft sind, auf solche Abzüge zu verzichten. (Personen mit hohem Einkommen erreichen oft schon weit vor 60 den Punkt, ab dem ihre Beiträge sämtliche Rentenbezüge für 45 Jahre egalisieren.) Andere argumentieren, dass diese Betragspflicht zum solidarischen Umverteilungskonzept in der 1. Säule der Altersversorgung gehöre und diese Abzüge ihre Freude am Tätigsein nicht trübten.

Reform der Sozialversicherungen
Die hohen Lohnnebenkosten für ältere Arbeitnehmende, die bei Arbeitgebenden aufgrund der steigenden Sparbeiträge (Progression) gegen Ende der Laufbahn anfallen, werden als Hindernis für Anstellungen Älterer kritisiert. Vorgeschlagen wird eine ausgeglichene Verteilung der Beiträge im Lauf der Karriere oder zumindest eine flache Kurve. Man stört sich auch an Alterslimiten für Einzahlungen in die 2. Säule; am liebsten möchten einige jederzeit ü65 rentenbildende Beiträge steuerbefreit einzahlen können.

Dass Angestellte ab 70 Jahren von keiner kollektiven Kranken-Taggeld-Versicherung mehr akzeptiert werden, ist für Betriebe ein grosses Hindernis, Ältere zu beschäftigen, gibt der Handwerker und frühere Chef zu bedenken. Denn das Unternehmen muss das Risiko von Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall selbst übernehmen, was abschreckt. Er fordert neue «Systemlösungen», zum Beispiel eine neue solidarische Versicherung von Arbeitgebenden.

Steuern
Weiterarbeiten kann, vor allem wenn sich Renten und Einkommen kumulieren, zu einer beträchtlichen steuerlichen Belastung führen, was nach Meinung eines Ökonomen den finanziellen Profit substanziell mindert. Interessant ist, dass beim Schildern der positiven Wirkung längeren Arbeitens das Einkommen bei denselben Personen kaum Erwähnung fand. Offenbar gilt auch in diesem Zusammenhang die Regel der Verhaltensökonomie, dass Verluste stärker wahrgenommen werden und wirken als Gewinne. Steuerfreibeträge werden häufig willkommen geheissen; einzelne Auskunftgebende sind dagegen der Meinung, dass die Besteuerung gemäss Verfassung der Finanzkraft entsprechen soll; sie lehnen deshalb Ausnahmen für erwerbstätige Ältere ab.

Mehrfach werden – mit dem Ziel, die Wertschätzung dieses Engagements zu beweisen – steuerliche Abzüge für Freiwilligenarbeit eingefordert. Ehrenamtlich Tätige sollten eine Pauschale oder gewisse Spesen vom steuerbaren Einkommen abziehen können. Der ehrenamtliche Einsatz Pensionierter zugunsten von Gesellschaft und Öffentlichkeit werde regelmässig hochgerechnet und erreiche mehrstellige Millionenbeträge, heisst es; davon sollten die Einsatzwilligen ein bisschen profitieren können. Weitere Konkretisierungen wie Einsatz-Nachweise, Grössenordnung usw. werden nicht formuliert.

Finanzierung von Projekten Älterer
Die im Dorf zugunsten spezieller Programme für Ihresgleichen aktive Sozialarbeiterin, aber auch der innovative Baufachmann weisen auf krasses Zögern politischer Instanzen beim Unterstützen von Projekten oder Initiativen älterer Menschen hin, die keineswegs fragil sind und in den Zuständigkeitsbereich von Sozialarbeitenden, Ärztinnen oder Spitex gehören. Es scheint, dass die Politik die «jungen Alten» als Teil des Gemeinwesens noch nicht zur Kenntnis genommen hat. Betont wird. Man möge vor allem Selbstorganisiertes unterstützen und damit Kontinuität sichern.

Überraschend und singulär ist die dringliche Forderung einer Migrantin, die als Platzanweiserin in der Oper arbeitet. Sie erfährt, dass die fehlende Anerkennung ihrer ursprünglichen Lehrerinnenausbildung sie noch im Alter in «prekäre Arbeitsverhältnisse zwinge».

Institutionelle und betriebliche Praktiken

Unternehmenskultur, Marginalisierung
Geht es um den Alltag in Organisationen, sprudeln die – von konkreten Erfahrungen angeregten – Ideen. Andere Unternehmenskulturen seien unerlässlich, finden alle, die sich zum Thema äussern. Für die Integration älterer Mitarbeitender müssen generell im Alltag individuelle Unterschiede wertschätzend wahrgenommen werden und tatsächlich zum Zug kommen, was substanzielle Mitgestaltungsmöglichkeiten voraussetzt. Solche Bedingungen sind in kleinen und mittleren Unternehmen, im eigenen Geschäft oder in der Selbständigkeit viel häufiger gegeben als in Grossfirmen. Dass diese Diagnose zutrifft, belegen die verfügbaren empirischen Daten, beispielsweise des Gender Intelligence Report der HSG oder der SAKE. Solange persönliche Bekanntschaft und alltäglicher Austausch die Leistungswahrnehmung bestimmen, spielen Stereotype kaum eine Rolle; in den anonymisierten Verhältnissen grosser Organisationen prägen sie die Realität. Wie diese Mechanismen im Detail funktionieren, ist noch zu erforschen.

Vor allem in grösseren Unternehmen werden ältere Mitarbeitende gemäss Beobachtung der Befragten oft an den Rand gedrängt. Erwartungen sinken. Ihnen werden unwichtige und weniger interessante Aufgaben zugewiesen; damit verlieren sie Bedeutung und Sichtbarkeit im Team. Sie fühlen sich und ihr Wissen abgewertet und reagieren entmutigt. Jüngere Vorgesetzte unterschätzten Organisations- und Branchenwissen für die Produktivität massiv, wird moniert. Dagegen überschätzten sie technologische Virtuosität.

Funktionszeitbeschränkungen
Machtvolle Funktionen zeitlich zu begrenzen, fordern viele, auch wenn einige Befragte den eigenen Abschied aus Führungsrollen als schmerzlich schildern. Gestaltungs-kompetenz und Einfluss in Organisationen müssen nach gewisser Zeit zu anderen Personen wechseln, um frische Perspektiven zu gewinnen, sagt der kühle Kopf. Das ist in Universitäten nicht anders als in der Wirtschaft. Die Politik regelt das Problem mittels Wahlperioden von vier Jahren in vernünftiger Weise. Zwischen Skepsis und Empörung spannen sich die Reaktionen der Auskunftsgebenden gegenüber generellen Alterslimiten, etwa bei 70 für Verwaltungsräte, weil dadurch alle über 70Jährigen zu Minderleistern und Personen mit reduziertem Urteilsvermögen gestempelt werden. Was zähle, sei die Kompetenz der Person. Für begrenzte Zeit. Sesselkleberei unterstützt auch der selbst negativ betroffene Projektmanager nicht.

Anstellungsbedingungen und passende Aufgaben
Gefordert wird Einsatz nach Mass, also Teilzeitverträge und Jahresarbeitszeiten. Eigentlich nichts Neues: Erwerbstätige über 50 ohne Vorgesetztenfunktion praktizieren reduzierte Pensen heutzutage in grosser Zahl; im Dienstleistungssektor und in der staatlichen Verwaltung häufiger als in der Industrie. Eine Chefin plädiert entschieden gegen vollgepackte Viertagewochen und für kürzere Tagesarbeitszeiten, um Erholungspausen zu sichern. Gegen Ende der Laufbahn wäre für viele ein organischer Übergang anstelle eines abrupten Stopps ideal, also schrittweiser Abbau des Pensums zwischen 62 und 70 Jahren. Lohnreduktion und Rentenbezug sollten dabei komplementär ineinandergreifen.

Befürworter findet auch das Konzept institutionell abgesicherter Bogenkarrieren, also geordneter Rückzug aus Führungsfunktionen und Verantwortungsfeldern wenige Jahre vor Erreichen des Referenzalters. Weil damit im Normalfall eine Reduktion des Salärs – und damit der Beiträge an die betriebliche Altersvorsorge – verbunden ist, können Bogenkarrieren spezielle Regeln zur Ausfinanzierung der BVG-Rente nach sich ziehen. Überdies fordert einer der Befragten, dass Vorgesetzte ihren beruflichen Weg ausserhalb des einstigen Machtbereichs fortsetzen, um Spannungen mit seiner Nachfolge zu vermeiden.

Dies führt direkt zur umfassenderen Forderung nach spezifischen Aufgabenbündeln für ältere Mitarbeiter. Die Architektin erzählt von ausgezeichneten Erfahrungen in ihrem grossen Büro, zum Beispiel für den bewährten Backoffice-Leiter, der in eine extra geschaffene Spezialistenfunktion für Schliess- und Schlüsselsysteme schlüpfte, die seinem präzisen Arbeiten entsprach und ihm Prestige verlieh. Notorisch werden Rollen wie Mentorin und Coach für sehr Erfahrene ins Spiel gebracht, was nahe liegt, aber wahrscheinlich von der Nachfrage her nur für wenige ältere Fachleute in Frage kommt.

Arbeitsmarkt für ü60
In der Öffentlichkeit wird Altersarmut regelmässig thematisiert und oft mit der Forderung nach höheren Renten verknüpft. Die Vorschläge der Befragten von «ältertätig» zielen in eine andere Richtung. In beengten Verhältnissen leben vor allem Frauen; ihr Anliegen ist es, für den eigenen Unterhalt zu arbeiten, sie sperbern nach entsprechenden Aufgaben oder Jobs, nicht nach höheren staatlichen Sozialleistungen. Aufgrund von Rentenlücken fehlen ihnen monatlich Beträge von 1000, 1200 oder 1500 Franken; entsprechende längerfristig verlässliche Anstellungen/ Aufträge stehen für sie ganz oben auf der Wunschliste. Ein entsprechender Arbeitsmarkt fehlt in der Schweiz; Plattformen für punktuelle Einsätze sind ihnen bekannt; meist handelt es sich dabei um wenig qualifizierte Aktivitäten und temporäre Einsätze. Eine Erzieherin berichtet, sie stehe mit ihren Kapazitäten in Konkurrenz zu Freiwilligen. Erst wenn in Bibliothek oder Museum keine ehrenamtlich Tätige zur Verfügung stehe, komme sie mit einem kleinen Stundenlohn zum Zug.

Gesellschaft

Soziale Akzeptanz und Wertschätzung werden oft als Voraussetzung für langes Engagement genannt. Ältere Menschen - vor allem Frauen – würden in allen Bereichen ausser im Luxuskonsum – übersehen, belächelt oder verächtlich behandelt. Sie werden – entpersönlicht – als finanzielle und pflegerische Last bezeichnet (Überalterung) oder als Gruppe, der man mittels Stimm- und Wahlrechtsentzug die demokratische Mitwirkung und Mündigkeit entziehen wolle. Man erwarte nichts Konstruktives mehr von ihnen. «Aha, Si schaffed immer no?» sei eine typische Reaktion, die einen zum alten Eisen sortiere. Die Tänzerin betont, dass Menschen im Alter auf gesellschaftliche Teilhaberechte pochen und nicht grau und diffus bleiben sollten. Manche Auskunftgebende witzeln über die gängigen Altersstereotypen, andere fühlen sich fehleingeschätzt und abgewertet.

August 2026
Elisabeth Michel-Alder